InteressenvertretungLandeshandwerkskonferenz setzt Zeichen
Landeshandwerkskonferenz in Koblenz setzt Zeichen für Bürokratieabbau, Fachkräftesicherung, Unternehmensnachfolge und bezahlbare Sozialabgaben
Energiekrise, steigende Sozialversicherungskosten, Materialengpässe, Fachkräftemangel und wachsende Bürokratielasten setzen die Handwerksbetriebe in Rheinland-Pfalz weiter unter Druck. Bei der Landeshandwerkskonferenz im Metall- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Koblenz machten Vertreterinnen und Vertreter des rheinland-pfälzischen Handwerks deutlich: Das Handwerk ist bereit, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen mitzugestalten – braucht dafür aber verlässliche politische Rahmenbedingungen.
Die zentrale Botschaft der Konferenz lautete: Das Handwerk ist leistungsbereit, aber nicht unbegrenzt belastbar. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz. An der Konferenz nahmen unter anderem Staatssekretärin Simone Schneider aus dem rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke, Dr. Lukas Meub vom ifh Göttingen sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Handwerkskammern, Verbänden und Kreishandwerkerschaften teil.
Hans-Jörg Friese, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern Rheinland-Pfalz, betonte, politische Entscheidungen müssten sich am Ende in der Praxis bewähren: „Ob Entlastungen wirklich ankommen, entscheidet sich in der Werkstatt, auf der Baustelle, im Laden und am Schreibtisch der Betriebsinhaberin.“ Das Handwerk verstehe sich als konstruktiver Gesprächspartner der Politik – mit klarer Problemanalyse und dem Willen, an Lösungen mitzuarbeiten. Friese erinnerte auch an die Rolle des Handwerks nach der Flutkatastrophe im Ahrtal. Handwerkerinnen und Handwerker hätten vom ersten Tag an mit angepackt, repariert und wiederaufgebaut. Das zeige, wie wichtig das Handwerk für die Widerstandsfähigkeit von Regionen sei.
Ein Schwerpunkt der Konferenz war die Unternehmensnachfolge. Sie sei eine „Zukunftsfrage für ganze Regionen“, so Friese. Mit jedem Betrieb stünden Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Erfahrung, Versorgung und regionale Wertschöpfung auf dem Spiel. Betriebsübernahmen müssten deshalb stärker als attraktive Form unternehmerischer Selbstständigkeit sichtbar gemacht und erleichtert werden.
Auch die Ausbildung stand im Fokus. Friese unterstrich: „Ausbildung braucht Zeit, Geduld und persönliche Zuwendung. Wer ausbildet, investiert in die Zukunft eines jungen Menschen und übernimmt Verantwortung für unseren gesamten Wirtschaftszweig.“ Zugleich warnte er vor einem rauer werdenden Ton in gesellschaftlichen Debatten. Demokratie brauche Menschen, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen und mitzuwirken – genau das geschehe im Handwerk täglich, etwa in Innungen, Prüfungsausschüssen und Kreishandwerkerschaften.
Staatssekretärin Simone Schneider überbrachte die Grüße von Wirtschaftsminister Michael Ebling und hob die große Bedeutung des Handwerks für Rheinland-Pfalz hervor. Die Landesregierung wolle den konstruktiven Austausch mit den Betrieben fortsetzen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland und damit auch Rheinland-Pfalz stehe unter erheblichem internationalem Druck. Um Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen, setze die Landesregierung auf schnellere Genehmigungsverfahren, konsequenten Bürokratieabbau, digitale Verwaltung, Investitionen in Infrastruktur, mehr Resilienz und gezielte Fachkräftesicherung.
Positiv bewertete Schneider die Entwicklung bei den Ausbildungszahlen im rheinland-pfälzischen Handwerk. Diese seien landesweit um sieben Prozent gestiegen. Rund 18.000 junge Menschen absolvieren derzeit eine Ausbildung im Handwerk. Berufliche Bildung müsse als „Entscheidung erster Klasse“ sichtbar werden. Akademische und berufliche Bildung seien gleichwertig – die Wirtschaft brauche sowohl Menschen, die forschen und entwickeln, als auch jene, die planen, bauen, reparieren und gestalten.
Beim Bürokratieabbau kündigte Schneider mehr Tempo an. Berichts- und Dokumentationspflichten sollen konsequent überprüft werden. Künftig solle nicht mehr in erster Linie das Handwerk begründen müssen, warum eine Pflicht entfallen kann. Vielmehr solle die Verwaltung darlegen, warum eine Berichtspflicht weiterhin notwendig ist. Ziel sei eine digitale Verwaltung, in der Anträge, Nachweise und Genehmigungen einfacher, schneller und ohne Medienbrüche erledigt werden können.
ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke richtete den Blick auf bundes- und europapolitische Rahmenbedingungen. Globale Krisen wirkten unmittelbar auf Europa, Deutschland und die Betriebe vor Ort. Europa sei wichtiger denn je, müsse aber seinen Kurs neu ausrichten. Schwannecke forderte mehr legislative Zurückhaltung, Vertrauen, risikobasierte Gesetzgebung und eine stärkere Orientierung am Mittelstand. Kritisch bewertete er unter anderem die europäische Verpackungsverordnung, die auch viele Handwerksbetriebe erheblich belaste.
Dr. Lukas Meub, Geschäftsführer des ifh Göttingen, zeigte auf, wie stark der demografische Wandel das Handwerk verändert. Die Frage, ob klassische Betriebsnachfolgen weiterhin gezielt unterstützt werden sollen oder stärker dem Markt überlassen bleiben, sei eine strategische Abwägung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Landeshandwerkskonferenz machten jedoch deutlich: Gerade im Flächenland Rheinland-Pfalz sei der Erhalt handwerklicher Betriebe vor Ort von zentraler Bedeutung. Kleine und mittlere Betriebe seien nicht nur Marktakteure, sondern Versorger, Arbeitgeber, Ausbilder und Teil gewachsener regionaler Strukturen.
Ein weiteres zentrales Thema waren die steigenden Sozialversicherungskosten. Gerd Benzmüller, Präsident des Landesverbandes der Kreishandwerkerschaften und des Bundesverbandes BV-KH, machte die wachsende Lücke zwischen Arbeitgeberkosten und Nettolohn deutlich. Ein Geselle mit 3.800 Euro brutto erhalte rund 2.400 Euro netto, koste den Betrieb aber etwa 4.760 Euro im Monat. Zwischen dem Aufwand des Betriebs und dem Nettolohn lägen damit mehr als 2.300 Euro. Benzmüller forderte eine gesetzlich verankerte Sozialabgabenbremse, die die Gesamtbeiträge wieder unter die 40-Prozent-Marke bringt. Sein Fazit: „Das Handwerk ist kein Gegner des Sozialstaates. Es ist einer seiner verlässlichsten Finanzierer. Wer das Handwerk entlastet, schwächt den Sozialstaat nicht, sondern sichert seine Grundlage.“
Kurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz wie auch Vorsitzender des ZDH-Finanzausschusses, unterstrich am Ende der Veranstaltung die Bedeutung des ZDH-Standortes „Haus des Deutschen Handwerks“ im Zentrum Berlins, „das für unsere Arbeit eine wichtige Rolle im Dialog mit den politischen Akteuren spielt und insofern erhalten und gestärkt werden soll.“ Gesetze werden in Berlin und Brüssel gemacht „und unsere Nähe zu den Parlamenten ist von zentraler Bedeutung“, machte Krautscheid deutlich, was Zukunftspläne der ZDH-Zentrale und deren Finanzierbarkeit einschließt.
Die Landeshandwerkskonferenz machte deutlich: Das Handwerk in Rheinland-Pfalz steht zu seiner Verantwortung für Ausbildung, Versorgung, Wiederaufbau, regionale Wirtschaftskraft und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Damit es diese Rolle auch künftig erfüllen kann, braucht es verlässliche Entscheidungen, weniger Bürokratie, tragfähige Sozialabgaben, eine funktionierende Verwaltung und eine Politik, die die Realität der Betriebe vor Ort berücksichtigt.
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